Das Thema Erwartungen hat in meiner persönlichen Entwicklung einen großen Einfluss genommen. Ich möchte Sie heute einladen, mir bei meiner diesbezüglichen Erkenntnisreise und meinen eigenen Gedanken dazu über die Schulter zu schauen. Falls Sie mögen, können Sie meine Geschichte zum Abgleich Ihrer eigenen Erfahrungen zu diesem Thema nutzen oder bei meinen gesagten und geschriebenen Worten genau prüfen, ob das Gesagte oder Geschriebene viel, ein wenig oder gar nicht bei Ihnen in Resonanz geht.

Ohne Emotionen betrachtet sagt das Online Lexikon Wikipedia folgendes:

Erwartung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Erwartung steht für:

  • Erwartung (Soziologie), Annahme, was ein anderer oder mehrere andere tun würden oder sollten
  • Erwartung (Psychologie), Kategorie von Persönlichkeitsmerkmalen
  • eine Annahme über Zukünftiges, siehe Prognose
  • veraltet für Schwangerschaft

In meinem Leben und Erleben, wissen/wussten in meinem privaten Umfeld nicht viele Personen bewusst, dass sie Erwartungen haben.

Das Wort Er-Wartungen impliziert für mich auf etwas zu warten. Warten kann ich auf viele Dinge z.B. die Bahn oder den Bus, eine Situationen wie einen Termin oder Geburtstag, auch Aufträge oder Projektabschlüsse.

Mir fällt zuerst Weihnachten ein. Schon seit ich denken kann, (er)warte ich voller Ungeduld den Heiligabend. Durch kontinuierliche Wiederholung dieses, für mich sehr schönen und besinnlichen Familienereignisses, mit einer Gewissheit, meine Er-Wartung wird unausgesprochen – an die Geschichte, irgendwelche Menschen oder Feiertagsgestalter – bisher zu 100% erfüllt. Heiligabend kommt zuverlässig jedes einzelne Jahr wieder.

Das hätte er doch wissen müssen!

Hellhörig und neugierig bin ich auf dieses Thema im zwischenmenschlichen Bereich geworden, als in einem Gespräch mit einer sehr nahestehenden Person, der Satz fiel: „Ich bin wahnsinnig enttäuscht von diesem Verhalten. Das hätte er (in diesem Fall ein Bekannter) wissen müssen.“
Auf meine Rückfrage dazu, was genau der Herr hätte wissen „müssen“, kam ein frustriertes: „Na, dass ich das von ihm erwarte!“.

Ok, jetzt wurde ich langsam neugierig, was wohl vorgegangen war. Da ich diesen Bekannten gut kenne, konnte ich den Frust aus dieser Ausgangssituation nachvollziehen. Um mehr Verständnis bemüht fragte ich weiter nach: „Was hat er denn dazu gesagt?“ und mein Gesprächspartner fragte im Gegenzug leicht irritiert: „Wozu?“. Ich antwortete kurzerhand: „Na, auf Deine Rückfrage, warum die Absprache nicht eingehalten wurde.“

Nun wurde mein Gegenüber tendenziell wütend und antwortete genervt, als ob es das Normalste der Welt wäre: „Es gab keine Absprache! Das hätte er wissen müssen!“

In genau diesem Moment ist mir die Kinnlade auf den Brustkorb gefallen.

Diese scheinbar kleine Situation hat mir ein riesiges Feld an persönlicher Hinterfragung, Erleuchtung, Beobachtung, Erinnerung und Erkenntnissen in der Erforschung meiner selbst eröffnet.

Es kam in mir die Idee auf, dass es, zumindest in meiner Familie, Er-Wartungen an Menschen gibt. Und zwar unausgesprochene!

Unerfüllte Er-Wartungen und Auswirkungen

Nun bleibe ich bei dem Vergleich mit meinem geliebten Heiligabend. Im Nachforschen fragte ich mich: Was würde es mit mir machen, wenn ich mich, wie immer, so sehr auf den Heiligabend freue und er nicht kommt? Meine ersten Gedanken: „Ich wäre traurig, enttäuscht und frustriert!“ Und zwar ganz ordentlich.

So fing ich an, mein Umfeld zu beobachten. Was ich aus meiner Wahrheit heraus entdeckte erschreckte mich beinahe. Wirklich viele Menschen schienen in meinem Umfeld unausgesprochene Er-Wartungen an Mitmenschen zu haben und sammelten mit ihrer „Nichterfüllung“ eine Menge täglichen Frust.

Nun möchte ich kurz erwähnen, dass ich in einer Geburtsfamilie ohne verbal tiefgreifende emotionale Kommunikation aufgewachsen bin. Ich hatte im positivsten Sinne nichts auszustehen, war mit allem Materiellen bestens versorgt. Hatte ein geregeltes Leben, eine behütete Kindheit mit viel Natur und lebte in meiner eigen fabrizierten rosaroten Ponyhofwelt. Bei uns wurde wirklich Harmonie zelebriert. Unstimmigkeiten gab es offiziell nicht und falls doch, wurde nicht im Außen darüber geredet. Der Schein blieb somit unangetastet.

In dieser rosaroten Ponyhofwelt habe ich sehr feinfühlige Fähigkeiten, sogenannte Überlebensstrategien entwickelt, wie es jedes Kind in seiner ganz eigenen Entwicklung tut. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, ging mir ein Licht auf: Ich habe sehr früh gelernt, unausgesprochene Er-Wartungen und Emotionen zu erspüren und sie im Vorwege zu erfüllen, um einer abweisenden Haltung mir gegenüber zuvorzukommen. Dem mir als Kind nicht verständlichen innerlichen Frustberg der Erwachsenen.

Bei meiner inneren Reise in die Vergangenheit formte sich ein Satz in mir, der nie offen ausgesprochen wurde: „Wenn Du Dich nicht wie er-wartet verhältst, hab ich Dich nicht lieb“. Diese Erkenntnis hat mir schlagartig Tränen in die Augen getrieben. Ein klassischer Liebesentzug wie aus dem Lehrbuch. Gesagt hat das allerdings keiner zu mir. Nicht ein einziges Mal! Und ich unterstelle besten Gewissens, das es ein für diese Zeit gängiger selbst erlernter evtl. nachkriegszeitlicher Verhaltens-Schutz-Mechanismus war, der zumindest in meiner Familie überhaupt nicht bewusst eingesetzt wurde.

Ebenso wenig wie mir und meinem Umfeld bis vor einiger Zeit das Thema „unausgesprochene Erwartungen“ bewusst war.

Innere Verstärkung

Aus meiner heutigen Wahrheit, für eine Kinderseele, die von Natur aus auf Überlebensinstinkte angewiesen ist, und Menschenseelen jeden Alters, eine Form der härtesten „Strafe/Maßregelung“ die es im zwischenmenschlichen Miteinander gibt. Frustrierte Ablehnung, die aus unausgesprochenen Erwartungen resultiert, interpretiere ich als diese Art des Liebesentzuges. Dabei ist es für den Moment an dieser Stelle unerheblich, ob dieser bewusst oder unbewusst eingesetzt wird.

In meiner Praxis läuft mir diese Thematik das ein bis andere Mal über den Weg und hat so manche prägende Spur in einer inzwischen gewachsenen Seele hinterlassen. Noch heute meldet mir mein inneres Kind zu diesen Erinnerungen eine enorme Angst vor Zurückweisung bei nicht erfüllten Erwartungen.

In meiner persönlichen Lösung zu dieser Angst, habe ich im Rahmen meiner Selbstentwicklung übrigens einen imaginären großen Bruder-Anteil erschaffen. Den Nils (wenn ich in diesem Leben ein Junge geworden wäre, wäre der Wunschname meiner Eltern „Nils“ gewesen ☺). Mein Nils-Anteil ist deutlich älter, größer und stärker als mein inneres Kind und er begleitet, beschützt, unterstützt mich und nimmt mich in den Arm, wenn andere Menschen es aufgrund eigener alter persönlicher Muster mit dieser Art des Liebesentzuges versuchen möchten. Somit kann diese „Fremd-Strategie“ mit ihren Auswirkungen in den allermeisten Fällen bei mir nicht mehr wirksam werden.

Forschungsprojekt: Er-Wartungen vs. Wünschen

So machte ich mich aufgrund dieser spannenden Erkenntnisse auf die Reise meines eigenen privaten Forschungsprojektes, dem Thema „Er-Wartungen und ihren Auswirkungen in meinem System“ und möchte meine daraus entstandenen Gedanken hierzu teilen.

Bei Er-Wartungen, egal ob ausgesprochen oder nicht, gehe ich in meiner Welt eine Art Vertrag oder einen Auftrag ein. Wenn ich nunmehr einen Vertrag eingehe, ist es hilfreich, dass die andere Partei von diesem Vertrag weiß. Hier kommt in meiner Welt deutlich die ganze farbenfrohe Palette der Kommunikation ins Spiel.

Bei einem Vertrag ist beispielsweise klar geregelt, meist in vielen Paragraphen, was für Rechte und Pflichte beide Parteien haben. BEIDE Parteien! Und im Idealfall ist der Vertrag rechtskräftig von BEIDEN Parteien unterschrieben und damit akzeptiert. Im Einzelfall kann dieser Auftrag im Vorfeld BEIDSEITS verhandelt werden. Dazu könnte ebenfalls die wertschätzende Kommunikation mit Ich-Botschaften ein hilfreiches Mittel dieser farbenfrohen Palette der Wahl sein.

Beim Wünschen verhält es sich hingegen in meiner Welt anders. Ich habe bereits viele Wunschzettel in diesem Leben geschrieben. Unter anderen auch an den Weihnachtsmann. In meinem Fall standen in der Kindheit recht viele Dinge darauf, die sich teilweise immer in Schleife wiederholten. Ganz vorn dabei waren ein Pferd, einen Hund, eine Katze etc… Manche Wünsche haben sich erfüllt und in meinem Fall dankbarer Weise recht viele, andere allerdings, wie die zuvor genannten, nicht. Daraus habe ich eine Art Erfüllungs-/Frustrationstoleranz entwickeln können.
Manche Wünsche wurden und werden erfüllt, manche nicht. Auch wenn der Weihnachtsmann inzwischen aus dem Spiel ist: Trotzdem macht es für mich Sinn, einen Wunschzettel zu formulieren oder zu schreiben und ihn dann im Idealfall der Person nahezubringen oder zu zeigen, von der ich mir die Erfüllung wünsche. Manchmal könnte es sogar sinnhaft sein, bisher unerfüllte Wünsche erneut auf den Wunschzettel zu nehmen.

Denn hier kommt in meiner Wahrheit ein entscheidender Punkt ins neue Spiel: Hellsehen ist heutzutage noch unüblich! Durch das Mitteilen eines Wunsches erhöht sich die Chance auf Erfüllung deutlich.

Bei einem Vertrag hingegen ist meine Nicht-Erfüllungstoleranz sehr niedrig angesetzt. Habe ich mich zu einem Vertrag (Mietvertrag, Arbeitsvertrag etc.) entschlossen, achte ich ziemlich genau auf Rechte und Pflichten. Wenn mein gewünschter Vermieter allerdings nichts von einem Vertrag weiß, kann ich nicht wirklich auf ein Wohnrecht pochen. Heißt, klar kann ICH das tun. Die Noch-Mieter meiner geforderten Wohnung werden sich bei Belagerung vermutlich eher nicht freuen und die Wohnung auch nicht zeitnah räumen. Und der Wunsch-Vermieter könnte ziemlich sicher mindestens höchst irritiert sein. Eine Frustration auf allen Seiten ist damit allerdings ziemlich hochgradig wahrscheinlich.

Ähnlich verhält es sich, wenn ich bei meinem Wunscharbeitgeber auftauche, mich dort ungefragt aktiv oder per Homeoffice einbringe und am Ende des Tages lautstark eine mir angemessene Entlohnung nach meinen Vorstellungen einfordere. Da steht vermutlich ebenfalls Frust und/oder Irritation auf allen Seiten im Raume.

Ein wichtiger Punkt! Auch in diesem Bereich ist das Hellsehen noch nicht sehr verbreitet, bei Verträgen und damit Erwartungen, hat allerdings vermutlich unser Handeln größere rechtswirksame Auswirkungen der Auswirkungen.

Als Fazit meiner Forschungen zu diesem Thema ergibt sich für mich in meiner Wahrheit ein deutlicher Zugewinn! Ich möchte in meinem Leben die Er-Wartungen im zwischenmenschlichen Bereich egal ob ausgesprochen oder unausgesprochen hinter mir lassen und übe mich seitdem in kommunizierten Wünschen.

Er-Wartungen in Wünsche wandeln

Aus diesen gesammelten Gedanken und Erkenntnissen habe ich mich nachhaltig in und für meine Welt klar für das Wünschen entschieden. Bei der dazu nötigen Selbstforschung habe ich eigene Er-Wartungen erspürt, enttarnt und gleichzeitig überprüft, inwieweit sie beiden Seiten klar waren und ob sie überhaupt aktuell, veraltet oder überarbeitungswürdig sind.

Wenn es mir wirklich wichtige Punkte waren, habe ich mit den entsprechenden Menschen wohlwollend kommuniziert um einen Wahrheits-/Landschaftsabgleich vorzunehmen. Daraus sind nicht nur, teilweise sehr heitere Gespräche über gegenseitige Erwartungen geworden, nach und nach ist daraus ein für mich viel freieres Lebensgefühl entstanden. Mein Fokus liegt dabei nach wie vor auf dem Thema Wünschen.

Da ich mich heute als Erwachsene deutlich besser mitteilen kann, fragte ich in auftretenden Fällen wertfrei und neugierig nach, welche hellseherischen Fähigkeiten oder Vertragsbrüche ich gerade in der anderen Fremdwahrnehmung versäumt zu haben schien.

Mein Umfeld hat sich zuerst mehr als stark über diesen Wandel gewundert. Allerdings ist mein Umfeld zwischenzeitlich einiges von meiner persönlichen Entwicklungsgeschichte gewohnt. Meine Worte: „Ich wünsche mir, dass …“ haben ebenfalls erstaunte und irritierte Gesichter ausgelöst.

Durch viele Situationen in mir, meinem Leben, meinem Umfeld und meiner Praxisarbeit habe ich in meiner Wahrgebung die Erfahrung gewonnen, dass Irritationen gut und für Veränderungen wichtig sind. Dadurch können alte Musterautobahnen verlassen und neue gewünschte Muster geebnet und platziert werden.

Heute freut es mich von Herzen, wenn in Gesprächen ganz nebenbei, sogar von anfänglichen Skeptikern ein verstecktes: „Ich würde mir wünschen, dass …“ ausgesprochen wird. Mein inneres Kind fühlt sich dann sehr verstanden und wertgeschätzt und dreht sich freudig tanzend mit ihrem bunten Kleidchen im Kreis.

Ich hoffe Sie hatten eine kleine angenehme, vielleicht auch etwas erkenntnis- oder abgleichreiche Reise mit mir gemeinsam durch meine Gedanken und Erfahrungen.
Ich wünsche Ihnen auf Ihrem weiteren Weg das Allerbeste und viel Neugier auf den Abenteuerspielplatz des Lebens.

Ich für mich bin sehr begeistert auf meinem Weg, mit allen Höhen und Tiefen und bezeichne mich selbst als mein größtes Forschungsobjekt. Aus meiner Sicht gibt es nichts wertvolleres für uns selbst, als uns selbst mehr und mehr kennenzulernen.

Gedanken sind immer der Anfang eines Weges!

Autor: Kirsten Tönsmeyer
Thema: Erwartungen
Bild: Photo by Roksolana Zasiadko on Unsplash
Webseite: http://www.der-gedankenweg.de
Autorenprofil: Kirsten Tönsmeyer ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und arbeitet in eigener Praxis in Schleswig-Holstein als Hypno- & Gesprächstherapeutin. Sie begleitet Menschen auf Ihrem Entwicklungsweg in hypnosystemischer Atmosphäre. In Zusammenarbeit mit Marcus Rosik und dem sysTelios Gesundheitszentrum in Siedelsbrunn leitet Sie die Transfergruppen für ehemalige Klienten/innen und Selbstforscher/innen in Bremen und Hamburg.